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Verweltlichung

Auch wenn Theologie im allgemeinen Verständnis die Rede von oder das Denken über Gott meint, so geht es bei ihr doch immer zunächst um die Rede vom Menschen und von der Welt, um das Denken über den Menschen und die Welt wie auch um die Deutung von menschenlichen Welterfahrungen. In dieser Perspektive lässt sich - freilich etwas zugespitzt - sagen, dass das unterscheidend Chrstliche in einer radikalen Verweltlichung besteht.

Die neutestamentliche Auskunft, dass Christinnen und Christen zwar in dieser Welt leben aber gleichwohl nicht von dieser Welt sind, hat im Zuge der neuplatonischen Adaption des urspünglich hebräisch geprägten Glaubens durch die frühchristliche Theologie dazu geführt, dass Glaube und Welt, oder besser: Gott und Welt in einen unversöhnlichen Gegensatz geraten sind.

Mit diesem Dualismus war jener unselige Weg gebahnt, der im Laufe der Jahrhunderte zu einer die Welt verneinenden Weltflucht geriet. In deren Folge wurde dann quasi zwangsläufig auch eine latente oder expilizite Leibfeindlichkeit ausgebildet.

Dem gegenüber kann eine Theologie, die auf der Höhe der Zeit und damit sowohl sachgemäß als auch anschlussfähig ist, nur dann glaubwürdig und überzeugend sein, wenn sie diesen falschen Gegensatz von Gott und Welt auflöst und zurück findet zu den urchristlichen Quellen, die vor allem durch zwei zentrale Maximen geprägt sind.

Gott kommt zur Welt und wird Mensch. Die Radikalität dieser biblischen Botschaft kann nicht deutlich genug gedacht und entfaltet werden. Inkarnation (Fleischwerdung) Gottes in diese Welt hinein bedeutet in letzter Konsequenz, dass es schlechterdings keinen Ort, keine Situation und keine Zeit gibt, in die hinein Gott sich nicht inkarniert hätte. Gott kommt zur Welt bis in den letzten, ja den allerletzten Winkel eben dieser Welt. Solcher Art Verweltlichung ist die Sache Gottes. Dass darin auch eine Bedingung für das von Gott gewollte umfassende Heil für den Menschen liegt, kommt in dem Wort des Kirchenlehrers Gregor von Nazianz (329 - 390) zum Ausdruck: "Was nicht angenommen ist, das ist auch nicht erlöst."

Gottes Wesen ist Hingabe an den Menschen und die Welt, Gottes Wesen ist Liebe. Der Glaubens- und Lebensweg des Jesus von Nazaret, wie er in den Evangelien erzählt und exemplarisch im Hymnus des Philipperbriefes (Phil 2, 5-11) gedeutet wird, meint genau dies. Gott kommt dem Menschen (und der Welt) immer und immer wieder liebend entgegen. Gott gibt sich hin, ja, Gott liefert sich aus, bis hin zur Selbstaufgabe, bis zur Hingabe am Kreuz. Diese Bewegung Gottes ist lebendig und dynamisch. Sie ist ohne Anfang und Ende. Sie strömt und fließt der Welt und den Menschen ununterbrochen zu.

Diese beiden Maximen der christlichen Botschaft gilt es je neu zu entfalten und in das Leben und in die Welt hinein zu verheutigen; das ist das Selbstverständnis der Theologie und deren Aufgabe.