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Die Welt ist Gottes so voll

04a Mystik

Lektüretipp RelliS 2/2015

Von Karl Rahner SJ (1904 - 1984) stammt das Diktum: "Der Fromme (Christ) von morgen wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein ..." 

Diese grundlegende Einsicht in die religiöse Verfassung des modernen Menschen im westlichen Kulturkreis ist nach wie vor gültig. Rahner schreibt weiter:

"... weil die Frömmigkeit von morgen nicht mehr durch die im Voraus zu einer personalen Erfahrung und Entscheidung einstimmige, selbstverständliche öffentliche Überzeugung und religiöse Sitte aller mitgetragen wird, die bisher übliche religiöse Erziehung also nur noch eine sehr sekundäre Dressur für die religiöse Institutionelle sein kann. Die Mystagogie muß von der angenommenen Erfahrung der Verwiesenheit des Menschen auf Gott hin das richtige Gottesbild vermitteln, die Erfahrung, daß des Menschen Grund der Abgrund ist: daß Gott wesentlich der Unbegreifliche ist; daß seine Unbegreiflichkeit wächst und nicht abnimmt, je richtiger Gott verstanden wird, je näher uns seine ihn selbstmitteilende Liebe kommt."

Karl Rahner, Frömmigkeit früher und heute, in: Ders. Schriften zur Theologie, VII (Einsiedeln, 21971), 22-23.

Das große Thema unserer Zeit ist die Frage nach der je eigenen Erfahrung. Die Epoche der Ideologien, die das 19. und 20. Jahrhundert so nachhaltig gepärgt haben, ist vorbei. Dogmatische Lehren oder Richtigkeiten interessieren niemanden mehr. Heute suchen die Menschen die Unmittelbarkeit im (nicht selten auch körperlichen) Erleben.

Hier nun bleiben nicht wenige auf halber Strecke stecken. Denn das unmittelbare Erlebnis und die meist damit verbundenen Gefühle bleiben an der Oberfläche. Die in den tieferen Schichten der Existenz angesiedelten Möglichkeiten der religösen Erfahrung werden kaum erreicht. Eine unmittelbare Begegnung mit Gott bzw. dem Göttlichen wird verfehlt.

In überaus treffender Weise beschreibt dies Alfred Delp SJ (1907 19-45) in einem Brief, den er am 17. November 1944 verfasst hat:

 „Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten: Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt uns dies gleichsam entgegen. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen. Wir erleben sie nicht durch bis zu dem Punkt, an dem sie aus Gott hervorströmen. Das gilt für das Schöne und auch für das Elend.

In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, liebende Antwort. Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser, aus diesen Einsichten und Gnaden dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung zu machen bzw. werden zu lassen. Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir oft gesucht haben.“